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15
Jun
2007

Medien, Morde, Magengeschwüre

Während hier in der Region alle Welt mit dem Verschwinden von Tanja Gräff beschäftigt ist, ereilte mich über den Netstream von Fritz eine ganz andere Meldung.
Am Abend des 12.06. hat ein 17Jähriger einen 23 -jährigen erstochen. Nicht irgendwo, sondern in Berlin Reinickendorf, meinem Heimatbezirk. Nicht irgendwo, sondern am Tegeler See, meinem Badesee um die Ecke. Nicht irgendwo, sondern am Saatwinkel, meinem kleinen Fleckchen Strand, keine 100 Meter lang.

Während sich am Mittwoch morgen, als ich die Nachricht im Radio gehört habe außer der PolPreMi kaum andere Quellen finden lassen, springt am Abend und nächsten Morgen die große Presse auf den Zug auf. Während die Welt sich auf faktenentbehrende Gefühlsduselei mit Nullgehalt
im Bistro gegenüber trank er manchmal ein Bier
gepaart mit einfach übernommenen Beamtendeutsch
Mehrere Badegäste äußerten ihren Unmut darüber, dass diese Personengruppe die leeren Verpackungen ihrer mitgebrachten Speisen und Getränke einfach zur Seite warf.
beschränkt und ein bisschen Vorurteilsreiterei gegen den Täter betreibt (was denn nun - Berliner oder böser böser Klischeetürke?), ist der Tagesspiegel zumindest ansatzweise sachlich (Interessant sind hier die Comments, die auch in diesem Fall rege und zweifelhaft genutzt werden).

Der Grund für die Tat wird offenbar - ein Streitgespräch um liegengelassenen Müll mit einem älteren Strandbesucher? Schläge auf den alten Mann? Der 23-Jährige schreitet ein und wird von dem 17-jährigen niedergestochen.

Ähnlich, wie hier aus Gründen der regionalen Nähe aus dem Dornröschenschlaf erwacht wird man sich plötzlich bedroht fühlt - Pfefferspray ist ein Bestseller hier zur Zeit - so bin auch ich wieder einmal wach geworden.
Auch, wenn einen die Meldungen in Berlin doch eher abstumpfen lassen, so ist es unmittelbar vor der Haustür doch immer etwas anderes als anonym in der diffusen Ferne - völlig absurd und durchschaubar, aber so funktionieren wir wohl, denn mir ist mulmig.
Ich habe zusammengenommen wohl bald Jahre am Strand des Tegeler Sees zugebracht. Ich bin bestimmt kein ausgewiesener Greenpeacer oder Weltverbesserer, aber ich habe schon unzählige Kids aufgefordert, doch einfach ihren Müll wieder mitzunehmen - das ein ums andere Mal bin ich dabei auf mehr als taube Ohren gestoßen - verdammt mulmig...

Der Täter ist wohl bereits vorbestraft - wegen einer Messerstecherei - da kann man sich natürlich herrlich den Mund über "unsere Justiz" zerreissen:
"Wenn er damals keine Bewährungsstrafe bekommen hätte, könnte der junge Mann aus Reinickendorf vielleicht noch leben“, sagte ein Kriminalbeamter.
Jahaa - nur wenn dieser Beamte nie geboren worden wäre, bliebe einem dieses Statement leider nicht erspart, weil es genug gäbe, die mit Anlauf in diese Lücke des Schwachsinns gesprungen wären.

Aber wo die Medien erwachen, wo sich Stimmungen einfangen lassen ist auch die Politik nicht weit - seien es Killerspiele oder Messerstecher. Erneut laste ich diese Art von Politik nicht den Politikern selbst an, aber erbaulich ist es nicht, was dieser Tage abgesondert wird - natürlich von meiner Leib- und Magenpartei:
"Tiefsitzende Verrohung! Zivilisationsbruch!"
natürlich darf der Verweis auf die "türkische Herkunft" darf nicht fehlen, also her mit den "ausländerrechtlichen Maßnahmen". Frage zwischendurch - gegen welche "ungeschriebenen Regeln unseres Zusammenlebens" hat der Täter denn Verstoßen? Phrasendrescherei!
Natürlich auch ein herrlicher wilkommener Anlass, das ganze parteipolitisch zu instrumentalisieren und auf den Innensenator einzudreschen - wenn das mal keine peinliche Schleichwerbung ist.

Das Karussel dreht sich weiter, das Thema will geschmiedet werden, so lange es heiß ist. Auf einmal sind in Berlin alltägliche Messerstechereien interessant, die sonst untergehen. Völlig inhaltsfreie Artikel folgen und Pseudolösungen wie Messerverbote werden wieder aus der Versenkung gehoben. Ein Wunder, dass noch niemand präventiv mehr Mülleimer gefordert hat und der Betriebsrat der BSR bisher stumm bleibt. Selbst die Wissenschaft lässt sich mit zweifelhaften Aussagen von der Presse Missbrauchen.

Mulmig ist mir noch immer, aber es sind eher die Prozesse, die sich nach solchen Taten inder Gesellschaft abspielen und wie ein Geschwür im Magen liegen.
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concierge (anonym) - 16. Jun, 22:15

Es lebe der Aktionismus - dieser Tage und Wochen wieder hervorragend zu beoabachten.

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